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bingen
von Waldemar Thomas

Vom gegenüberliegenden Ufer des Rheins, von der Rüdesheimer Seite aus, hat man den besten Blick auf die alte Stadt am Zusammenfluß von Rhein und Nahe. Bei näherem Hinsehen findet sich nicht allzu viel, das vom historischen Stadtbild übrig geblieben ist. Was Kriege verschonten, wurde abgerissen, und daß unter den neueren Bauwerken eine nennenswerte Anzahl als besonders gelungen heraus ragte, wird nicht einmal der fanatischste Lokalpatriot behaupten. Trotzdem, es gibt die Römerbrücke über die Nahe, die Basilika, den Mäuseturm, Hildegard von Bingen selbstverständlich, den Rochusberg, Burg Klopp und das Museum am Strom. All das kann sich sehr wohl sehen lassen, und es lohnt, sich damit zu beschäftigen.

Nichts deutet darauf hin, daß es den Bingern an Lebensfreude mangele. Dennoch gewinnt man den Eindruck, die Beziehungen der Stadt zu ihrem Wein könnten herzlicher sein. Welcher andere Weinort kann sich schon rühmen, am Schnittpunkt von gleich vier Anbaugebieten zu liegen: Rheinhessen, Nahe, Rheingau und Mittelrhein, hier treffen sie aufeinander. Woanders machte man was aus dieser Vorlage, und sicher ließe man die Mitmenschen nicht im Unklaren darüber, wo der Eiswein das Licht der Welt erblickte, in Bingen-Dromersheim nämlich. Mit all dem tut man sich offenbar schwer. In Bingen ist wenig zu spüren von den anderswo in Rheinhessen unternommenen Anstrengungen, das noch weithin geringe Ansehen der rheinhessischen Weine zu verbessern. Und solange Teile der besten Lage, des Scharlachbergs, brach liegen, ist ein umfassender Aufbruch der Binger Winzer auch nicht in Sicht.

Aber da ist ja Erik Riffel. Der Anfang 30jährige wuchs in Bingen-Büdesheim auf, in einem typisch rheinhessischen Mischbetrieb. Nachdem Junior Erik seine Winzerlehre absolviert hatte, wandten sich die Riffels vollends dem Weinbau zu. Auf rund 20% der 10 ha ihres Areals steht Riesling.

Selbstverständlich besitzen die Riffels auch Rebflächen in Bingens Spitzenlage, dem Scharlachberg. Der dortige Quarzitboden, ein Unikum in Rheinhessen, läßt die Weine, im glücklichen Zusammenspiel mit der klimatisch günstigen, steilen, die Abendsonne speichernden Südwest-Lage, zart und elegant geraten. Sie sind von prickelnder Frische, man glaubt die Mineralien des Quarzits zu schmecken.

Schöne Rieslinge konnten hier zuletzt entstehen, wie 2002er Spätlese mit feinem Aroma: "wie ein reifer Pfirsich" heißt es in der Weinliste. Mit 4,80 ist der Wein preisgünstig zudem. Wie auch "das absolute Riesling-Highlight", 2002er Riesling "S", ein fruchtig-eleganter, goldfarbener Wein in Auslese-Qualität und dennoch mit maßvollem Alkoholgehalt von 12,5% (12 €).

Damit aus Traubenmost Wein wird, läßt man ihn vermittels Hefen vergären. Natürliche Hefen sitzen auf den Häuten der Weinbeeren und lassen die Gärung quasi automatisch in Gang kommen. Diese unkontrollierte, "wilde" Gärung paßt nicht zu den Prinzipien der modernen Weinbereitung, weshalb viele Winzer sogenannte Reinzuchthefen bevorzugen. Weil sich damit die Gärprozesse präziser steuern lassen. Das hat aber auch seinen Preis: die typischen Aromen der Sorte drohen hinter einem Einheitsgeschmack zu verschwinden.

Gekonnt meistert der junge Riffel dieses Problem, indem er den Most zunächst aufwendig vorklärt, bevor er ihn mit der Reinzuchthefe versetzt. Die Weißweine vergären sodann bei niedriger Temperatur im Edelstahltank, behalten viel Kohlensäure ein, bleiben mithin spritzig-frisch.

Ein weiteres zeichnet sie aus: das, was man neuerdings pompös als "gôut du terroir" bezeichnet (in Württemberg heißt man es seit undenklichen Zeiten "Bodeg'fährtle"). Es besagt, vereinfacht, daß man den Boden, auf dem der Wein gewachsen ist, schmecken kann. Bei der Vielfalt der Binger Lagen ermöglichen die Riffel-Weine entsprechend differenzierte Geschmackserlebnisse. Der kräftige Tonboden der Lage Bubenstück schlägt sich in behäbigen, süffigen Weinen mit gezügeltem Säurespiel nieder. Die mit einer goldenen Kammerpreismünze ausgezeichnete 2002er Weißburgunder Spätlese trocken aus dieser Lage bringt in ihrer konzentrierten, reifen Art den Charakter des Bubenstücks schöns zum Ausdruck.

Die 02er Silvaner-Spätlese trocken verdiente wiederum, wie bereits der Vorläufer aus dem Jahrgang 96, die Empfehlung des Gourmetmagazins "Der Feinschmecker" als idealer Wein zum Spargel (4,80).

Es fand sich im Keller eine, natürlich längst ausverkaufte, 98er Binger St. Rochuskapelle Riesling Spätlese trocken (12% Alkohol), die zeigt, wie wunderbar die Riffel-Weine altern. Der goldgelb im Glas Funkelnde zeigte sich von feiner Reife, die Aromen eines ganzen Korbs von Früchten stieg in die Nase, als keineswegs matt erwies sich der Tropfen, sondern als elegant geradezu, mit durchaus noch lebhaftem Säurespiel.

Karlheinz Wolfarths Gewächse sind gleichermaßen nicht zu verachten. Er und seine Frau Stefanie betreiben ihr 10 ha großes Weingut im Stadtteil Kempten und nennen auch Wingerte in der besten Lage, dem Kirchberg, ihr Eigen. Auf über 30 Jahre alten Weinstöcken wachsen dort Silvaner, wie eine schlanke, fruchtige 02er Spätlese trocken für nur 3,60. Eine feine, trockene und mit 13% Alkohol auch gehaltvolle Chardonnay-Spätlese ist ebenfalls im Kirchberg gewachsen und mit 6 € gleichermaßen günstig im Preis.

Bei 15% Neigung besteht das Kirchberg-Terroir, ähnlich dem der Nobellage Scharlachberg, aus Quarzit. Auch dort sind die Wolfarths begütert und können mit einer 02er Rielsing-Auslese trocken aufwarten. Für nur 6 € pro Flasche steht dieses leckere "Maulvoll Wein" zudem sehr günstig im Preis da.

Die Roten nicht zu vergessen. 01er Portugieser, eine Guts-Cuvée, entstammt über 60 Jahre alten Reben und kostet bloß 3,10; 02er Schwarzriesling trocken erhielt die goldene Kammerpreismünze sehr zu recht (4,00). Daß Karlheinz Wolfarth auch den Umgang mit dem kleinen Holzfaß, dem Barrique beherrscht, zeigt die noch nicht ausgetrunkene 94er Spätlese trocken der gleichen Rebsorte. Auch dieser Wein erhielt die hohe Auszeichnung und ist mit 10,30 sein Geld wohl wert.

Service:

Verkehrsanbindung: Bahnhöfe: Bingen-Stadt; Hauptbahnhof (Bingerbrück) und Rüdesheim (Zug und Fähre). Verbindungen, Auskunft: 01805/996633 oder internet: www.bahn.hafas.de

Verkehrsamt der Stadt Bingen, Rheinkai 21, 55411 Bingen, Tel.: 06721/184-201/205/206; Fax: 06721/16275; e-mail: tourist-information@bingen.de

Heimatmuseum Turm Burg Klopp. Von der Karwoche bis Ende geöffnet: 9-12 u. 14-17 Uhr (außer montags)
Basilika St. Martin: täglich von 8 bis 17 Uhr geöffnet
Brückenkapellle (am Naheufer, im Pfeiler der Drususbrücke): Besichtigung nach Vereinbarung mit dem Verkehrsamt

Weingüter:

Weingut Riffel
Mühlweg 9,
55411 Bingen-Büdesheim
Tel. 06721/994690, Fax: 994691
E-Mail: service@weingut-riffel.de
Homepage: www.weingut-riffel.de

Weingut Wolffarth,
Lehrer-Vock-Str. 24,
55411 Bingen-Kempen
Tel: 06721-13787, Fax: 10588

Restaurants:

Burg Klopp
Tel.: 06721/15644
(schöne Aussicht über das Rheintal)

Brunnenkeller
Vorstadt 60 (Nähe Bahnhof Bingen-Stadt)
Telefon und Fax: 06721/16133